Florale Auszeit

Foto: Rosel Eckstein, pixelio

Foto: Rosel Eckstein, pixelio

Vor kurzem hab ich mich näher mit der Amaryllis beschäftigt, da sie mich immer wieder zu wundersamen Blättereien (Blattessenz-Bilder) inspiriert. Und was les ich da?! Die königliche Pflanze blüht nur dann so phantastisch, wenn sie im Herbst für mehrere Monate nicht mehr gegossen wird und kühl und dunkel gestellt wird. Totaler Rückzug also, man könnte es auch Auszeit nennen :-).

Eine wunderbare Blütenpracht als Ergebnis einer Auszeit. Dieses Bild lässt sich sehr gut auf menschliche Auszeiten übertragen: während einer Auszeit scheint es manchmal, als ob die Dinge zum Stillstand kämen. Nichts Sichtbares passiert, langsam wird man ungeduldig. Die kostbare Auszeit und dann tümpelt man vor sich hin. An dem Punkt braucht es Vertrauen und Geduld. Und etwas Pflanzenwissen kann dabei hilfreich sein. Die Ruhe im Außen heißt nicht, dass nicht im Inneren magische Verwandlungen und wundersame Knospen vorbereitet werden. Die dann, wenn die Zeit reif ist, plötzlich in voller Pracht erblühen.

Da hat es Zoom gemacht: Auszeit im Schloss

lichtSCHALTER-name Manchmal können auch zwei Wochen fern des üblichen Lebens Auszeit-Charakter haben und sind nicht mehr einfach nur Urlaub. Normalerweise wehre ich mich ja gegen diese Bezeichnung für so kurze Ausstiege aus dem Alltag, aber meine eigene Auszeit mit einer hohen Dosis an Perspektivewechsel und Anstoß zu Veränderung hat mich eines Besseren belehrt.

Als ich das erste Mal die Schwelle des Schlossensemble Eschelberg im Mühlviertel überschritten hab,  hat es in der Sekunde zoom gemacht. Ich wusste mit 1000-prozentiger Sicherheit, hier will (ja, muss!) ich eine Auszeit machen, um meiner Künstlerinnen-Seele wieder zu begegnen. Es sind diese magischen Momente des inneren Wissens, wo es kein Zaudern und Zögern und Überlegen gibt und wo der Mut im Großpaket mitgeliefert wird, die einem im Leben nicht jeden Tag in den Schoß fallen. Aber wenn sie es tun, dann halleluja.  Dann ergießt sich die Wirkung in jede Zelle.
Hier ein Tagebuchauszug meiner 2-wöchigen Reise in die Langsamkeit, die von einer Woche Fasten verstärkt wurde.

  1. August 2015

Angekommen auf Schloss Eschelberg mit einem Koffer voller Möglichkeiten. Fastensäfte, Stoffe, Garne, Kamera, Notizbücher, Blumenpresse, zwei Augen und zwei Ohren.

So eine unglaublich starke Stille hier. Indoors funktionieren weder Handy noch Internet. Meine Gefühlslage dazu wechselt von Ah zu Oh. Hier ist dann wirklich nur Stille, keine Verbindung zu anderen. Wer ist hier, wenn nur ich bin?

  1. August

Sehr beschäftigt mit nichts. Ich verbringe meine Tage wie die Frauen früher: sticken, schreiben, Tee trinken, Haare bürsten, die Landschaft betrachten.

Draußen Wolken. Wie das mit dem Wetter wohl weitergeht? Ich kann im Internet nicht nachschauen. Ich muss mit dem Unberechenbaren, mit dem, was ist, zurechtkommen. Gut so im Grunde. Ich könnte es ja ohnehin nicht ändern, auch wenn ich wüsste, wie das Wetter wird. Spannend, sich dem Jetzt hinzugeben.

Es nützt nichts, aufs Handy zu schauen. Weiterlesen

Buchtipp: Ein Jahr in…

Auszeit: für viele bedeutet das, ein Jahr zu reisen. Auszeit von der Arbeit kann aber auch bedeuten, mal nicht die übliche Arbeit am üblichen Ort zu machen. Dazu gibt es eine ganz wunderbare Buchserie: „Ein Jahr in…“. Ich war damit schon in der Provence, Island und Paris. Man kann mit diesen Büchern herrlich vom Sofa aus in andere Welten eintauchen, und meist sind die Erfahrungsberichte auch recht köstlich geschrieben. Paris war bisher mein Favorit. Und ein Zitat daraus bringt auch die Motive so mancher Auszeit-Interessierter auf den Punkt:

„Es begann irgendwann kurz nach meinem 30. Geburtstag. Dieses kleine, nagende Gefühl, dass da doch noch etwas wäre. Warten würde. ‚Du spinnst‘, sagte Georg, mein Freund. ‚Dir geht’s einfach nur zu gut.‘ Womit er recht hatte, aber vielleicht war genau das der Punkt. Ich hatte einen passablen Job, einen netten Freund. Ich hatte Freunde und eine Wohnung mit Balkon und Wäschetrockner. Alles bewegte sich in eine Richtung, die bestimmt nicht verkehrt war. Und trotzdem. Was war mit dem großen Rest? Dem Abenteuer, der Möglichkeit, auch ein anderes Leben zu führen.“ (gekürztes Zitat aus: Ein Jahr in Paris. Reise in den Alltag. Von Silja Ukena)

Ich kauf nix: Finanzierung einer Auszeit

Wer eine Auszeit macht, kämpft auch häufig mit der Frage, ob das Geld wohl ausreicht. Ich finde es immer inspirierend, Bücher zu lesen von Menschen, die Alternativen zum üblichen Umgang mit Geld und Konsum suchen. Vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, sich der Finanzierung einer Auszeit zu nähern.

Sehr spannend fand ich etwa das Buch von Nunu Koller „Ich kauf nix“. Ein Jahr lang hat sie keine neue Kleidung gekauft. In ihrem amüsanten Buch erzählt sie von ihrem Suchtverhalten und anderen Herausforderungen. Letztlich aber ist ihr das Kaufnixjahr gelungen und sie hat Kleidertauschpartys und die Lust am Selbermachen als Alternativen entdeckt.

Und meine persönliche Ergänzung zum Thema sind Tauschkreise wie Lets (Local exchange trading system), bei denen Waren oder Dienstleistungen in anderen Währungen wie Zeiteinheiten getauscht werden. Erstens kann man bargeldlos Einiges erstehen: von der Massage über Katzensitting bis Kleidung oder Bücher. Und zweitens ist es eine gute Möglichkeit, schlummernde Talente zu entdecken und zur Tauschwährung zu machen. Wer gut Marmelade einkocht, ist in Tauschkreisen ebenso willkommen wie Menschen mit Reparaturkenntnissen oder Sprachentalente und Ordnungsbegeisterte.

12 Jahre Auszeit

Ich bin ein Biografien-Junkie. ich liebe es, in fremden Leben nach Herausforderungen und Ressourcen zu stöbern. Hat jemand eine spannende Erfahrung gemacht und ein Buch darüber geschrieben, landet es mit Garantie irgendwann auf meinem Nachtkästchen.

Zuletzt fasziniert hat mich Miek Pots 12-jährige Erfahrung in einem Schweigekloster „In der Stille hörst du dich selbst“. Die Niederländerin wuchs im Wohlstand auf und führte ein stürmisches Studentinnenleben, bis sie sich entschloss, zum Lernen in ein Kloster zu gehen. Sie schreibt: „Die straffe Tagesordnung sorgte für Ruhe und gab mir überraschenderweise innerlich viel Raum. Blitzartig wurde mir klar, dass es nicht gleichbedeutend mit Freiheit ist, nur zu tun, wozu man Lust hat.“ Der Aufenthalt sollte eine einschneidende Erfahrung für sie werden, die sie nach dem Studium nicht mehr missen wollte. Nach 12 Jahren im Schweigekloster allerdings spürte sie, dass sie ihre Erfahrungen in einem weltlichen Leben integrieren möchte. Heute bietet sie Kontemplations-Workshops und Retreats an. www.miekpot.com
Das Buch ist eine sehr heiße Empfehlung für alle, die die Stille in sich suchen und gleichzeitig eine spannende Geschichte lesen wollen.

Licht anknipsen

Anita Moorjani beschreibt in ihrem Buch „Heilung im Licht“ ihre Nahtoderfahrung, nach der sie von Krebs im Endstadium geheilt wird. Dabei verwendet sie für das irdische Leben das Bild einer großen dunklen Lagerhalle, die man mit einer kleinen Taschenlampe betritt, und dass man nur wahrnimmt, wohin man mit diesem kleinen Licht leuchtet. In der Welt, die sie bei ihrem Nahtod betritt, geht hingegen ein gigantischer Lichtschalter an, und sie hört Töne, die sie noch nie gehört hat, und sieht Farben, die sie noch nie gesehen hat. „Sie begreifen, dass das, was Sie bisher für Ihre Realität hielten, in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Fünkchen jenes unermesslichen Wunders ist, das Sie umgibt,“ schreibt sie.
Mir ist klar, dass meine Anknüpfung ein bisschen gewagt ist, kann es aber dennoch nicht lassen: Mich hat diese Metapher auch an die Intention meiner Coachings erinnert: etwas dazu beitragen zu wollen, dass ein größerer Lichtschalter angeknipst wird im Leben meiner KundInnen. Auf dass mit neuen Perspektiven/einem neuen Lichtstrahl Neues, bis dato Verborgenes gesehen werden kann. Und ja, ich weiß, nicht der Lichtschalter möge größer sein, sondern das Licht. Mut zum unperfekten Schreiben 🙂

Dieses Buch hat mich sehr inspiriert, vor allem durch die Grundbotschaft, das wichtigste im Leben sei, man selbst zu sein und sich nicht für Andere zu verbiegen. Der englische Titel „Dying to be me“ drückt dies auch sehr gut aus.

 

Pfuuh! Was für eine Form von Auszeit!

So hat sich die Hirnforscherin Jill Bolte Taylor ihre Auszeit bestimmt nicht vorgestellt. Denn die amerikanische Wissenschaftlerin, die sich aufgrund der Schizophrenie ihres Bruders auf Hirnforschung spezialisiert hatte, erlitt vor 15 Jahren selbst einen Hirnschlag und konnte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn die rechte Gehirnhälfte ausfällt. Sie konnte weder sprechen oder gehen noch sich an ihr vergangenes Leben erinnern. Es hat acht Jahre gedauert, bis sie wieder ganz hergestellt war. Ihre Erfahrungen und die neuen Perspektiven, die diese unfreiwillige Auszeit eröffnet haben, hat sie im Buch „Mit einem Schlag“ festgehalten.
Im übrigen passiert es relativ häufig, dass eine Krankheit eine Auszeit nach sich zieht. Ebenso häufig stellt sich im nachhinein heraus, dass die Sehnsucht nach einer Auszeit bzw. einem Perspektivewechsel im Grunde innerlich schon vorhanden war. Ich empfehle gesündere Varianten, eine Auszeit anzugehen!